gross-art-ich
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heute ist dein tag
zweifel an allem, nur nicht an dir
sei frei im herzen, leb jetzt und hier
danke und schütze, was liebend dich trägt
kraft kommt beim atmen, weil immer was geht
liebe und denke, was immer du magst
dein glück bist du selber, solang du nicht fragst
Vor einigen Tagen 'flatterte' dieser Text auf meinem Bildschirm, seither beschäftigt er mich; es bleiben Fragen.
Ich höre:
Verlass ist zuletzt nur auf die Antwort, die Du Dir selbst gibst, das Glück, die Wirklichkeit, die Du dir selbst schaffst.
Aber findet sich das Gesicht eines Menschen tatsächlich, wenn er sich im Spiegel betrachtet, oder eher dann, wenn er auf etwas sieht, von etwas gebannt ist, was außerhalb seiner selbst ist, draußen bei den Zielen, die er oder sie verfolgt?
Ich höre:
Im Gemenge allgemeiner Absurditäten und Beliebigkeiten zählt am Ende allein die eigene unverwechselbare Wahrheit. Es gilt das Recht, sich herauszunehmen, unvergleichlich, individuell, außergewöhnlich und einzigartig zu sein. Dein Glück, das bist du selbst. Sei riesich.
Jedoch: Mündet der Versuch, im Selbst das eigene Glück zu verwirklichen nicht letztendlich in tautologischer Wiederholung und einer schrecklichen Szenerie von Selbstzitaten?
Zurecht haben wir in den letzten Jahren gründlich mit den versklavenden Formen unserer Traditionen aufgeräumt. Wir sind unser eigener Herr geworden. Ist aber aus der neu gewonnenen Authentizität nicht schon längst wieder diktierte Identität geworden?
Ich höre:
Leben ist nicht mehr und nichts weniger als eine anwesenheitssuchende Versuchsanordnung im Vorfindlichen des Jetzt und Hier. Deutungssüchtiges Fragen oder sisyphosischer Rebellion verschwendet den Tag. Dreh' besser Deinen eigenen Film, sei Dein eigener Darsteller, Produzent und Programmdirektor. Weil die Bank möglicherweise längst pleite ist, gilt es abzuheben, was verfügbar ist.
Nur müssen wir derzeit nicht gleichzeitig beoachten, wie es die Erfolgreichen jener postmodernen Ich-Orienierung verstehen, neue Formen eines bürgerlichen Ich's zu etablieren, das sich - wie in seiner Tradition schon immer - als separiertes verstand?
Und nicht zuletzt höre ich:
Gleichwohl zwischen den Welten, Ebbe und Flut, Sinn- und Widersinnigkeit gilt es die NOT-wendigkeit der Liebe zu wagen. Jene die es vermögen, dem selbsterschaffenen Glück Schutz, Trost, Heimat und Geborgenheit zu geben, haben es im Namen der Liebe und der Freiheit verdient, geschützt zu werden.
Allerdings: Erleben wir gerade, wie schnell aus „danke und schütze“ ein „Klassenkampf von oben“ wird. Kein Tag, ohne eine mit viel Pathos vorgetragene Rede von einer Freiheit, die es vor Ort und weltweit zu verteidigen gilt.
Ich gestehe, dass die Vielzahl jener, die mir nicht nur von Plakaten und Fernsehspots mit einem lächelnden „Unterm Strich komm’ ich“ begegnen, Angst macht. Und ist es nicht so, dass all jene der Vergangenheit und Gegenwart die uns Mut und Hoffnung machen, immer Menschen waren und sind, die von etwas Kostenbarem her und auf etwas zu leben, dass ihnen wichtiger ist als sie selbst?
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