I nternetevangelisten verteidigen zu Recht die Freiheit des Internets gegen interessengeleitete Bevormundung und Zensur. Ihr Anspruch ist ein hehrer, sonfern es um Bemühungen zugunstes eines Modells und Werkzeuges demokratischer Zukunft geht.
Die Annahme allerdings, eine technische Infrastruktur, eine neue Quantität, zöge quasi automatisch eine neue Qualität nach sich, könnte sich als Irrtum erweisen. Bedarf die Veränderung der menschlichen Existenz hin zur Entfaltung gerechter und zivilgesellschaftlicher Teilhabe und globaldemokratisch, soziokulturellen Fortschritts eines neuen Diskurses des traditionellen Systemverständnisses?
Netzwerkaktivisten und ihre Mitstreiter sollten sich vor einem subtilen Reduktionismus hüten und die Beförderung aller Wirklichkeitsebenen menschlichen Seins zum Interesse ihrer Anliegen machen.
Etlichen Thesen und Forderungen des kürzlich veröffentlichten Internet-Manifestes[1] und seiner Diskutanten kann nicht widersprochen werden:
Die Unterzeichner der 'Berliner Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums'[2] (160 europäische Verlage) müssen sich in der Tat fragen lassen, inwieweit es ihnen wirklich um unabhängigen Journalismus als eine Essenz demokratischer Werte geht, oder die Wahrung kommerzieller Interessen (Claudia Sommer[3]).
Mehr noch: Es gibt sie noch, jene Klasse (heute besser: Seilschaften) selbsternannten Geistesadels, deren Credo mit Adam Soboczynski etwa so lautet: „Da der Intellektuelle aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist er der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag. Er stabilisiert Demokratie, indem er sich ihr wesenhaft entzieht.“ ('Das Netz als Feind'[4]). Hier geht es nicht nur um die Angst vor der Umstellung auf einen Journalismus, der nicht nur für Leser, sondern auch mit Lesern arbeitet; hier geht es nicht nur um die Angst vor der unliebsamen Konkurrenz unterbezahlter Internetkollegen; nein, hier scheint es mit Karl Mannheim[5] (in Konservatismus, Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens) darum zu gehen, „ ... dass nicht nur Interessen Interessen gegenüberstehen, sondern dass Welten gegen Welten kämpfen.“: um den Machterhalt in einer sich verändernden Welt.
Gleichwohl: Wir können konstatieren, dass jenseits überkommener Herrschaftshierarchien der Übergang von Rollenidentitäten zu bewussten Ich-Identiäten gelungen ist; auch wenn ein Fundamentalismus, mal weltlich, mal religiös, nach wie vor in allen Ecken der Welt das Heil durch Herrschaft zu erwirken versucht.
Zwar ist das grundsätzliche Recht aller Menschen, unabhängig von Rasse, Glaubensbekenntnis, Nationalität oder Geschlecht auf gerechte Teilhabe an materiellen und ökonomischen Ressourcen immer noch nur ansatzweise Realität, jedoch ist es unumkehrbar formuliert.
Ebenso verhält es sich mit mit einer Weltbürgerschaft ökologischer Austauschprozesse, die die Biosphäre als gemeinsames Gewebe und Grundlage der menschlichen Existenz anerkennt.
Und nicht zuletzt greifen integrale Ansätze Platz: „Die Plattform einer emergierenden Weltkultur wird … durch den zunehmenden freien Austausch von Rationalitätsstrukturen geschaffen, womit ich insbesondere die empirisch-analytische Wissenschaft und den Informationstransfer per Computer meine (das 'Informationszeitalter' ist einfach das 'Zeitalter der Noosphäre' [Anm.: des Geistes]...“ (K. Wilber)[6].
An dieser Stelle setzt meine kritische Nachfrage ein:
Wie kommt es, dass es egoistischen Kapitalinteressen nach wie vor und immer wieder gelingt, sich diese Ansätze unter den Nagel zu reißen? Sie setzen uns Hamburger in recycelbaren Verpackungen vor, globale Kommunikationsmöglichkeiten kommen als Dauerwerbesendung oder Mittel strategischer Politik- und Kriegsführung daher und selbsternannte Gurus machen mit Selbstoptimierungsliteratur Milliardenumsätze.
Wie kommt es, dass die junge social-network-profilbewirtschaftende Generation feststellen muss: „Unsere [Google-Facebook-] Castings bringen immer nur dieselben Typen hervor – die so sind wie wir. Systematisch wird neuer Input ausgeschlossen. Gedanklicher Inzest ist die Folge.“[7]
Sollten die Kritiker der Deliberation – also der öffentlichen Beratschlagung unter Mitwirkung vieler Bürger als grundlegendes Strukturelement der Demokratie - und des Modells der E-Democraty vieler Internetevangelisten Recht behalten?: Nicht dem besten Argument verhilft die ideale Sprechsituation in kommunikativer Rationalität zum Sieg (Habermas), sondern jenen Positionen, die am lautesten und extremsten vorgetragen werden.[8]
Ein kleiner Blogbeitrag [1] zum Internet-Manifest gibt einen Hinweis. „Der gesamte Text erweckt den Eindruck, 'das Internet' sei eine Art Subjekt, das quasi automatisch irgendetwas bewirke. Dabei ist das Internet, bzw. das Web erst einmal eine technische Infrastruktur, nicht mehr und nicht weniger. Was daraus gemacht wird, hängt in erster Linie von den Nutzern ab. 'Das Internet' an sich macht überhaupt nichts, ...“[9]
Könnte es sein, dass die Welt mit dem World-Wide-Web zwar eine quantitativ, aber nicht per se eine qualitativ andere ist? Der aristoteles'sche Satz, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, lässt den Umkehrschluss nicht zu. Und könnte es - zugespitzter formuliert - sein, dass die mit weltweiter Kommunikation einhergehenden Möglichkeiten auch dazu angetan sind, überkommene Lebensmuster nochmals zu manifestieren? („Wissenschaft und Technik sind nicht wertneutral, sondern verschärfend“[10])
Um nicht missverstanden zu werden, zitiere ich mit A.M. Klaus Müller[11] eine meiner Grundüberzeugungen: „Jede Einschränkung der vollen Lebensmöglichkeiten denen irgend ein Mensch fähig wäre, gefährdet bereits das Überleben: auf die Fülle dieses einen Lebens könnte es ja entscheidend ankommen, vielleicht bahnt sich gerade hier die Einsicht an, die niemand sonst rechtzeitig hat. Daher ist die Freisetzung menschlichen Lebens eine Bedingung für das Überleben.“[12] Und so meine ich: Wer eine neue Welt im Blick hat, wird auf Theorien und die Praxis des freien geistigen, soziokulturellen Austausches, der Meinungs-, Presse- und Internetfreiheit hinarbeiten und ebenso um eine gerechte Verteilung im materiell-ökonomischen Bereich und tragbare ökologische Verhältnisse bemüht sein müssen.
Aber gilt nicht gleichermaßen: „Das Prinzip Überleben nötigt uns, das Ganze unseres Könnens, Wissens, Liebens, Glaubens und Hoffens ins Spiel zu bringen, und gerade darin die etablierte Wissenschaft wie die etablierte Religiosität zu transzendieren.“[13], um noch einmal Müller zu zitieren.
Die notwendige Transformation des Vorfindlichen bedarf objektiver Veränderungen, die aber wesentliche wird sich - wie in allen früheren Transformationen, meine ich - im Unverfügbaren anbahnen: Im Geist, im Herzen und den seelischen Entwicklungsmöglichkeiten des Einzelnen. Mit einer neuen Sicht und Erfahrung der Welt schaffen wir Einzelnen möglicherweise gemeinsam, 'graswurzelaktiv' ein kognitives und emotionales Potential, das dazu beitragen könnte, dem kollektiven Bewusstsein eine neuen Stufe zu ermöglichen.
Die Revolution kommt wohl aus dem Innen, um dann im Außen ihren Platz zu finden. Gegenwärtig sehe ich diesen Weg der individuellen Entwicklung als unsere einzige Möglichkeit; einen kollektiven Träger eines neuen und tieferen Innen kann ich leider nirgendwo ausmachen, auch nicht im Netz.
Liebe Netzaktivisten (und Piraten): Hütet Euch vor einem subtilen Reduktionismus und befördern wir strukturelle Entsprechungen aller Wirklichkeitsebenen menschlichen Seins, ökonomisch-materiell, biosozial und soziokulturell. Fragen wir nicht zuletzt, unter welchem Umständen offene Selbstorganisierende Systeme in der Lage sind, sich zu transformieren.
Quellen:
[1] http://www.internet-manifest.de/ [2]
[2] http://www.axelspringer.de/downloads/153453/Hamburger_Erklaerung.pdf [3]
[3] http://www.csommer.de/internet-manifest/ [4]
[4] http://www.zeit.de/2009/22/Der-Intellektuelle?page=all&print=true [5]
[5] http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/mannheim/28bib.htm [6]
[6] Wilber, Eros, Kosmos, Logos, Fischer, Frankfurt a.M., 2006, S. 248
[7] L. Fritsche, „Das Leben ist kein Ponyhof: Die unbekannte Welt der Abiturienten“, Kiepenheuer & Witsch, 09/09 und zeitmagazin, Nr. 40, 24.09.09, S. 31
[8] Cass R. Sunstein, Infopedia, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2009
[9] http://netzpolitik.org/wiki/index.php/Diskussion:Internet_Manifest [1]
[10] C. F. Weizäcker in „Quanten und Felder. Pysikalische und philosophische Betrachtungen“, Vieweg, Braunschweig 1971
[11] AMK, Physiker und Philosoph am Institut für methematische Physik der TU Braunschweig, ein Nachruf: http://www.ptb.de/massstaebe/heft_6/massstaebe_06_03.pdf [7]
[12] A.M. K. Müller, Die präparierte Zeit, Der Mensch in der Krise seiner eigenen Zielsetzungen, Radius, Stuttgart, 1972, S. 120
[13] ebenda, S. 177
[inhalt]
Verweise:
[1] http://netzpolitik.org/wiki/index.php/Diskussion:Internet_Manifest
[2] http://www.internet-manifest.de/
[3] http://www.axelspringer.de/downloads/153453/Hamburger_Erklaerung.pdf
[4] http://www.csommer.de/internet-manifest/
[5] http://www.zeit.de/2009/22/Der-Intellektuelle?page=all&print=true
[6] http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/mannheim/28bib.htm
[7] http://www.ptb.de/massstaebe/heft_6/massstaebe_06_03.pdf
[8] http://www.alessandrow.de/sites/default/files/wandel01.mp3
[9] http://del.icio.us/post?url=http%3A%2F%2Fwww.alessandrow.de%2Fdie-welt-im-wandel&title=Die+Welt+im+Wandel%3F
[10] http://technorati.com/search/http%3A%2F%2Fwww.alessandrow.de%2Fdie-welt-im-wandel
[11] http://www.mister-wong.de/index.php?action=addurl&bm_url=http%3A%2F%2Fwww.alessandrow.de%2Fdie-welt-im-wandel&bm_description=Die+Welt+im+Wandel%3F
[12] http://twitter.com/home/?status=http%3A%2F%2Fwww.alessandrow.de%2Fnode%2F56+--+Die+Welt+im+Wandel%3F
[13] http://www.facebook.com/sharer.php?u=http%3A%2F%2Fwww.alessandrow.de%2Fdie-welt-im-wandel&t=Die+Welt+im+Wandel%3F
[14] http://www.alessandrow.de/taxonomy/term/15
[15] http://www.alessandrow.de/taxonomy/term/34
[16] http://www.alessandrow.de/taxonomy/term/30
[17] http://www.alessandrow.de/taxonomy/term/21
eine Ergänzung zum Thema Journalismus + Internet
Gegen die Informationswelt von heute wirkt die des vergangenen Jahrhunderts bereits mittelalterlich. Allerdings: Wer mit ihr klar kommen will, muss umlernen und Angewohnheiten aus der Zeit der klassischen Massenmedien ablegen.
ein netter Beitrag des "elektrischen Reporters" (zdf + handelsblatt) zum Thema "Internet und Journalismus"
Hier